St. Marien zu Lübeck

St. Marien zu Lübeck, eines der bedeutendsten Beispiele kirchlicher Backsteingotik, ist die drittgrößte Kirche Deutschlands. Der Bau dieser ehemaligen Hauptkirche des Rates und der Bürger der Hansestadt Lübeck wurde in unmittelbarer Nachbarschaft zum Markt und zum Rathaus um 1250 begonnen und im Jahr 1350 vollendet. Als Vorbilder dienten gotische Kathedralen in Frankreich und Flandern, wobei in Lübeck erstmals Backstein und nicht Steinquader als Baumaterial verwendet wurde. St. Marien wurde so das Vorbild für zahlreiche gotische Backsteinkirchen im gesamten Ostseeraum.

Beim Bombenangriff auf Lübeck in der Nacht zum 29. März 1942, bei dem große Teile der Innenstadt zerstört wurden, brannte St. Marien fast völlig aus. Die Dächer und Turmhelme gingen in Flammen auf, Gewölbe stürzten ein und die Glocken schlugen in den Boden des südlichen Turms.

Noch während des Krieges wurde St. Marien durch ein Notdach geschützt. Der Wiederaufbau begann bereits 1947 unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit und konnte 12 Jahre später abgeschlossen werden. Die durch den Brand zu Tage getretenen Teile einer mittelalterlichen Ausmalung konnten größtenteils restauriert werden und prägen heute den Innenraum. Die Kirche, wie auch die gesamte Lübecker Altstadt, ist Teil des Weltkulturerbes der UNESCO.

St. Marien, dieses Symbol für Macht und Wohlstand der mittelalterlichen Hansestadt, beherbergt nicht nur das höchste Backsteingewölbe der Welt (38,5 m im Mittelschiff), sondern an ihrer Westseite auch die weltweit größte Orgel mit mechanischer Traktur, 8.512 Pfeifen und 101 Registern auf fünf Manualen, die anstelle der verbrannten historischen Großen Orgel im Jahr 1968 von der Firma Kemper gebaut wurde.

Für große Chor- und Orchesterwerke steht der gesamte Kirchenraum der Lübecker St. Marien-Kirche mit bis zu 1.400 Plätzen zur Verfügung. Kammerkonzerte sowie Recitals finden entweder im 250 Plätze fassenden Hochchor oder in der Briefkapelle der Kirche statt. Die Briefkapelle, ein Anbau des frühen 14. Jahrhunderts, wurde vor einigen Jahren restauriert. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts diente sie der Gemeinde als „Winterkirche". Sie bietet 200 Konzertbesuchern Platz.




Die Große Orgel in St.Marien

Es ist nicht bekannt, wann die erste Orgel in St. Marien erklang. Der früheste Beleg über das Vorhandensein einer Orgel in St. Marien stammt aus dem Jahre 1377. 1396-1399 wurde dann an der Westseite eine große Orgel gebaut, welche im Jahre 1508 bei einem Brand im Mittelschiff der Kirche stark beschädigt wurde. Mitten in den Wirren der Reformationszeit, in den Jahren 1516-1518, entstand an gleicher Stelle ein Neubau, ausgeführt von Bartheld Hering. Die Orgel stellte in ihrer damaligen Zeit ein Prachtexemplar dar: Mit 3 Manualen und Pedal, 57 Registern. insgesamt 4.684 Pfeifen, einem Prospekt mit einem 32'-Prinzipal aus Zinn (dieser war damals einzig auf der Welt) zog sie bedeutende Organisten in ihren Bann. Die spätgotische Fassade war ein wahres Schmuckstück des Lübecker Bildhauers Benedikt Dreyer, sie zierten biblische Figuren mit Spruchbändern.

Nach der Zerstörung der Marien-Kirche im Jahr 1942 konnte erst 1968 nach sechsjähriger Bauzeit wieder eine große Marien-Orgel errichtet werden. Sie wurde von der Lübecker Orgelbau-Firma Kemper & Sohn erbaut.

Dieses gewaltige Werk enthält auf fünf Manualen 101 klingende Stimmen und insgesamt 8.512 Pfeifen. Eine elektrische Registratur mit sechs freien Kombinationen und vier freien Pedal-Kombinationen, zwei Jalousie-Schwellern und einem Rollschweller sowie weiteren Spielhilfen steht dem Organisten als Hilfsmittel zur Verfügung. Durch das Vorhandensein einer doppelten Handregistratur hat der Organist die Möglichkeit, vor Spielbeginn mehrere Stücke einzuregistrieren.

Hauptwerk, Brustwerk und Rückpositiv bilden den Kernbestand einer »Buxtehude Orgel«. Kronenwerk und Oberwerk enthalten neben den Grundstimmen auch zusätzliche Stimmen älterer und moderner Klangprägung. Das Pedal teilt sich in Groß- und Kleinpedal, die beide einzeln abschaltbar sind. Das Großpedal enthält die Fundamentalstimmen wie 32' und 16'. Im Kleinpedal finden sich vorwiegend die hohen Stimmen wie 4' und 2' sowie die Mixturen.
Im Oberwerk finden sich die engmensurierten Streicher, deren Kombination ein Klangbild entwickelt, das in der Weite des Kirchenraumes wie aus einer sphärenhaften Ferne hervorströmt. Maßgeblich dafür ist die Undamaris 8' mit ihrer Schwebung gegen das Salicet 8'. Die mitteleng mensurierte Fugara 16' verleiht dieser Schwebung ein weiches Fundament, während die Vielflöte 4' den Klang leicht nach oben hin öffnet.

Die Vielzahl unterschiedlichster Stimmen in allen fünf Werken und den beiden Pedalwerken vermag den großen Kirchenraum St. Mariens hervorragend zu füllen und gibt zugleich dem Marienorganisten einen weiten Spielraum in der Wahl der Farben und der dynamischen Qualitäten.

Wolfgang Seemann